That in between feeling – Meine Rückkehr nach Kanada nach über 15 Jahren

Seit eineinhalb Jahren arbeite ich nun bei TASTE, der Organisation, die mich vor 23 Jahren das erste Mal nach New Sarepta in Alberta, Kanada gebracht hat. Ich hatte damals eigentlich den Plan für ein Schuljahr in die USA zu gehen, doch als ich mich im TASTE Büro über das High School Programm informierte, wurde mir auch Kanada als mögliches Gastland vorgeschlagen. Ich dachte mir: „Super, über Kanada weiß ich eigentlich noch gar nichts, da gehe ich hin!“. Somit hatte ich vor meiner Ankunft auch keine wirkliche Vorstellung, was mich dort erwartet. Ohne Google Maps, Instagram oder YouTube und das Internet an sich, wusste ich nur das, was ich von TASTE und CHI durch die Bewerbungsunterlagen meiner zukünftigen Gastfamilie erfahren habe.  Dass meine Gastmutter Schulsekretärin an der örtlichen High School und mein Gastvater Handwerker und ist sie in New Sarepta wohnten, einem 400 Einwohner-Dorf in der Nähe von Edmonton, der Hauptstadt der westkanadischen Provinz Alberta. Und dass meine Gasteltern 2 erwachsene Töchter haben, die nicht mehr im Haus wohnen. Natürlich waren Fotos dabei und ein Brief der Familie, aber so richtig vorstellen konnte ich mir nicht, wie die Familie lebt. Aber das sollte ich ja bald erfahren.

Willkommen in New Sarepta, Kanada
Am 24. August 1994 war es dann endlich so weit: ich trat alleine meine Reise in die große weite Welt an. Nach einem herzlichen Empfang am Flughafen fuhren wir mit einem Auto, was mir aus Deutschland eher als Lieferwagen bekannt war, einem Pick-up Truck, eine gefühlte Ewigkeit über Feldwege und Straßen durch endlose Weiten. In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich als Stadtkind aus Hannover nun die nächsten 10 Monate mitten auf dem platten Land verbringen werde. Auch wenn gerade die Tatsache, dass ich ab sofort nicht „mal eben“ in die Stadt fahren konnte, sondern von der Bereitschaft meiner Gastfamilie oder meiner Freunde abhängig war, mich zu fahren, wirklich sehr gewöhnungsbedürftig war, habe ich mich schnell in New Sarepta und an der New Sarepta Community High School eingelebt. Bis auf die erste Nacht, die Jetlag-bedingt, sehr kurz war und die Tage um Weihnachten herum hatte ich in dem ganzen Jahr kein Heimweh und hatte am Ende des High School Jahres nur eine Idee: wie komme ich nach dem Abitur in Deutschland am Schnellsten wieder zurück nach Kanada?

Ich besuchte meine Gastfamilie in den folgenden Jahren auch noch drei Mal und hielt über Facebook und Instagram immer den Kontakt zu ihnen und einigen Freunden, doch habe ich meinen ursprünglichen Plan in Kanada zu studieren und auszuwandern letztendlich doch nicht verwirklicht. Da mir aber die englische Sprache so sehr fehlte, ermöglichten mir meine Eltern ein Studium in England, wo ich dann drei Jahre verbrachte und mich über jede Kleinigkeit freute, die mich an meine zweite Heimat jenseits des Atlantiks erinnerte (Safeway, Bagels, Oreos, Starbucks, usw.). Nach meinem Studium folgten der Einstieg in das Berufsleben und später Heirat und Kinder, wodurch ich keine weiteren Besuche in Kanada machte. Aber das Gefühl blieb, ich nenne es „that in between feeling“, dass man hin- und hergerissen ist zwischen zwei Kulturen oder – positiv ausgedrückt – sich in beiden zu Hause fühlt und sich am liebsten gerne zwischen beiden Ländern hin und her beamen würde.

Isabel mit ihrer Gastfamilie in Kanada
Meine Gastschwestern, Gastmutter und
die beiden Kinder meiner Gastschwester und ich
Meine berufliche Umorientierung mit dem Einstieg bei TASTE im Februar 2016 und meiner nun täglichen Arbeit ließen dann den Wunsch in mir aufkommen, nach mittlerweile 15 Jahren meine Gastfamilie und mein zweites Zuhause wiederzusehen. Und so begannen die Planungen für einen Familienurlaub in Kanada im Sommer 2017 mit Rundreise von Vancouver über Vancouver Island in den Banff Nationalpark in den Rocky Mountains und anschließend einem einwöchigen Besuch bei meiner Gastfamilie in New Sarepta. Auch wenn meine Kinder ungefähr genauso geschockt waren, wie ich damals, als wir die scheinbar endlosen (inzwischen allerdings asphaltierten) Landstraßen entlangfuhren („Mama, hier ist ja gaaar nix“) und ich mir Sorgen machte, ob und wie sich meine Gastfamilie mit meiner Familie verstehen würde, war die Wiedersehensfreude nach so langer Zeit riesig. Es gab ein BBQ (Grillfest) zu unseren Ehren, bei dem ich auch Leute wiedersah, die ich tatsächlich seit meiner Abreise im Juni 1995 nicht mehr gesehen hatte und ich konnte meine High School besichtigen. Viele Erinnerungen kamen wieder und es wurde mir einmal mehr klar, was ich für ein tolles Jahr in einer tollen Gastfamilie hatte. Es war wirklich ein Gefühl des „Nachhausekommens“, denn auch nach all den Jahren hatte ich nicht vergessen, wo mein Locker in der High School war, wie die Telefonnummer meiner Gastfamilie lautet, wo sich was in der Küche befindet und wie man die amerikanischen Waschmaschinen bedient. Mit meinen Gasteltern unterhielten wir uns über alles Mögliche und es war fast so, als wäre ich nie weg gewesen.

Doch wie es so ist: auch der schönste Urlaub ist irgendwann vorbei und die Abreise rückte näher. Und als ich am Abend vor unserem Abflug aus unserem Hotelzimmer auf den Flughafen in Calgary schaute, kam es auch wieder das „in between feeling“. Auf der einen Seite die Freude auf das eigene Zuhause und auf der anderen Seite die Trauer über den erneuten Abschied auf unbestimmte Zeit. Wahrscheinlich wird dieses Gefühl nie ganz verschwinden und ist im Grunde genommen ja auch ein Zeichen für den großen Einfluss, den mein Auslandsjahr in Kanada nach wie vor auf mein Leben hat. Und dafür nehme ich es auch gerne in Kauf.


Isabels Schule während ihres Austauschjahres in Kanada
Meine High School

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